Change Centre Repräsentativbefragung Wert Europas 19.05.2014

 

Repräsentativstudie zeigt riesigen Informationsbedarf zu Kernfragen Europas. Lichtblick: den jungen Deutschen ist Europa mehr wert

 

Den meisten Bürgern in Deutschland sind die Errungenschaften der EU wenig wert. Alleine die jüngste Generation setzt sich mit einer höheren Wertschätzung von Frieden und Freizügigkeit davon ab. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Repräsentativbefragung, die heute von der Change Centre Stiftung, einer unabhängigen und parteipolitisch neutralen Wissenschaftsstiftung mit Sitz in Meerbusch, vorgestellt wurde. Dafür wurden 2187 repräsentativ ausgewählte Deutsche vom renommierten Kölner Meinungsforschungsinstitut YouGov befragt.

 

Was ist den Deutschen Europa wert? Im Unterschied zu anderen Studien, deren Antworten eher unverbindliche Ergebnisse liefern, wurde hier die Methode eines Gedankenexperiments eingesetzt: Die Befragten konnten den Wert Europas mit einem persönlichen Geldbetrag zu beziffern. Das ergab erstaunliche Ergebnisse.

„Wenn er sich die Leistungen der EU erkaufen oder über eine Gebühr finanzieren müsste, würde der Durchschnittsdeutsche dafür nicht mehr ausgeben als für vier Kästen Bier oder sechs Kinobesuche,“ kommentiert Prof. Dr. Joachim Klewes, Gründer der Change Centre Stiftung, ein Schlüsselergebnis der Studie: Die Errungenschaften der EU wären den Deutschen nur 61 Euro wert – im Jahr wohlgemerkt. Dabei sind die Unterschiede überraschend groß: Männer würden für die EU fast doppelt so viel auf den Tisch legen wie Frauen (80 Euro im Vergleich zu nur 43 Euro. Den Jüngeren ist die EU deutlich mehr wert als älteren Generationen: So präsentieren sich die 18 bis 24 Jährigen mit durchschnittlich 97 Euro pro Jahr als spendabelste Gruppe und würden damit fast doppelt so viel für EU-Leistungen zahlen wollen wie die über 55 Jährigen mit nur 52 Euro. Befragte aus den Neuen Bundesländern würden signifikant weniger für EU-Errungenschaften ausgeben als Westdeutsche, wobei  die Angaben abhängig vom eigenen Einkommen sind.

 

Frieden ist den Deutschen am meisten wert

Nach dem monetären Wert einzelner konkreter EU-Errungenschaften gefragt, sticht die Bewahrung des Frieden zwischen den Mitgliedsstaaten als Top-Leistung der EU hervor: Hierfür würden die Befragten am meisten ausgeben – allerdings auch nicht mehr als im Durchschnitt 33 Euro pro Jahr. Auf dem zweiten Platz folgt das Recht auf Freizügigkeit, also die freie Wahl des Wohn- und Arbeitsplatzes innerhalb der EU mit 16 Euro. Der Wegfall der Grenzkontrollen ist den Deutschen noch 14 Euro jährlich wert. In diesem, und nur in diesem Punkt, würden ostdeutsche Befragte mehr ausgeben wollen als Westdeutsche (18 gegenüber 12 Euro jährlich).

„Die Politik hat eklatant versagt, wenn es darum geht, den Nutzen Europas zu erklären“  sagt Professor Klewes. Das zeigen auch weitere aktuelle Studienergebnisse: Nicht einmal jeder achte Deutsche kann korrekt sagen, wer über die Vergabe von Krediten und Finanzhilfen aus dem europäischen Rettungsschirm ESM bestimmt. Fast jeder Dritte verortet die Entscheidungsgewalt fälschlicherweise beim Europäischen Parlament, jeder Vierte bei der Troika aus EZB, IWF und Vertretern der EU-Kommission – und nur 12% der Deutschen wissen, dass tatsächlich die Finanzminister der Euro-Länder über die Kreditvergabe entscheiden. „Nicht einmal die politisch interessierten Bürger geben bessere Antworten als die Politik-Muffel. Das spricht für ein grundsätzliches Vermittlungsproblem“, ergänzt Klewes.

Insgesamt, das zeigt die aktuelle Studie, ist der Informationsbedarf zu Europa sehr hoch. So möchte mehr als jeder zweite Deutsche (58%) gern mehr über die Höhe der Zahlungen an die Krisenländer wissen. Noch mehr interessieren sich die Befragten für die Auswirkungen der Euro-Krise auf Deutschland (61%). Die Ursachen sowie die Wege aus der Krise sind für die Bürger dabei etwas seltener von Interesse.

„Unabhängig vom Ausgang der Europawahl braucht es eine gewaltige Informationsanstrengung, um die Bürger nicht noch weiter von der EU zu entfremden“, fasst Holger Geißler, Vorstand von YouGov Deutschland, die Studienergebnisse zusammen. „Die Bürger erleben in den Medien eine Dauerdebatte, die immer noch die Geberländer im reichen Norden von den Nehmern vor allem im armen Süden entfernt. Stattdessen könnte ja auch auf ganzer Bandbreite über den Nutzen von Europa diskutiert werden – und wie man die tatsächlichen Herausforderungen bewältigt.“

 

 

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